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Feb 4
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Was lange nur ein Verdacht war, scheint eine US-Studie nun zu beweisen: Manche Tumore wachsen bei starker Handystrahlung schneller. Aber können Handys den Krebs auch verursachen?

Susanne Donner
 

Jeden Tag klingeln geschätzte sieben Milliarden Handys, werden die kleinen Geräte ans Ohr gepresst und wird stundenlang mit ihnen gesurft oder telefoniert. Dabei ist bis heute nicht abschließend klar, ob das wirklich harmlos ist. Denn die Mobiltelefone erzeugen hochfrequente elektromagnetische Felder und übertragen damit Informationen über große Entfernungen. Auch das Radio, das Fernsehgerät und das schnurlose Telefon funktionieren so. Aber Handys sind mit Abstand die stärkste Strahlungsquelle im Haushalt, die dauerhaft in unmittelbarer Körpernähe ist. Ihre Strahlung kann erwiesenermaßen Gewebe erwärmen. Daneben diskutieren Experten, ob sie die natürlichen Vorgänge in Zellen und damit im Körper beeinflussen.

 

Handyfolgenforschung sorgt für neuen Zündstoff

Zurzeit sorgt in dieser Hinsicht die größte und teuerste Tierstudie zu Krebs in der Geschichte der Handyfolgenforschung für neuen Zündstoff. Sie stammt aus den USA und hat die Regierung dort 25 Millionen US-Dollar gekostet. Noch vor dem offiziellen Abschlussbericht sahen sich die Forscher gezwungen, mit ihren Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen. Bei Ratten fiel ihnen auf, dass Handystrahlung das Risiko für Krebs im Herzen und im Hirn erhöht.

 

 

„Damit habe ich definitiv nicht gerechnet. Offenbar hat niemand zuvor ausreichend viele Tiere über einen ausreichend langen Zeitraum untersucht"

 

Groß angelegte Studien zuvor hatten bei Tieren kein Mehr an Krebs infolge der Handystrahlen bemerkt. Entsprechend erschrocken reagierten einige auf die Entdeckung: „Damit habe ich definitiv nicht gerechnet. Offenbar hat niemand zuvor ausreichend viele Tiere über einen ausreichend langen Zeitraum untersucht", gesteht etwa David Carpenter, der Direktor des Institute for Health and the Environment an der Universität in Albany im US-Bundesstaat New York.

Die Wissenschaftler haben Mäuse und Ratten am ganzen Körper der Handystrahlung ausgesetzt. Sie benutzten dafür eine Vorrichtung, mit der die Tiere sich trotzdem frei im Käfig bewegen, normal futtern und schlafen konnten. Das ist wichtig, sonst könnte es auch der veränderte Lebensstil sein, der die Tiere krank macht. Weit mehr als 2.000 Ratten untersuchten die Wissenschaftler. Neun Stunden am Tag wurden sie der Handystrahlung mit drei unterschiedlichen Feldstärken ausgesetzt, wobei die niedrigste Dosis knapp unter dem Grenzwert lag, der in den USA bei 1,6 Watt je Kilogramm liegt. „Ein Handy sendet nur kurze Zeit derart stark, etwa in einem Aufzug. Aber die verwendete Leistung entspricht etwa der maximal denkbaren Belastung, die wir uns für den Menschen vorstellen können", erklärt John Bucher, einer der beteiligten Forscher vom National Institute of Environmental Health Sciences in North Carolina.

 

„Wir haben lange auf diese solide gemachte Studie gewartet", kommentiert die Expertin und Biologin Gunde Ziegelberger vom Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter. Entsprechend hellhörig machten sie die Ergebnisse: Bei den männlichen Ratten traten Gliome, eine bestimmte Art von Hirntumoren, bei zwei bis drei von hundert Tieren auf. Tumoren im Herzen, so genannte Schwannome, tauchten bei fünf bis sieben von hundert Rattenmännchen auf.

Beim Menschen waren Hirntumoren bereits zuvor in einzelnen Untersuchungen mit der Handynutzung in Verbindung gebracht worden. Die Internationale Agentur für Krebsforschung der Weltgesundheitsorganisation stufte die Strahlung 2011 deshalb als möglicherweise krebserregend ein. Andere Fachleute schlossen sich dieser Meinung aber nicht an, etwa das Bundesamt für Strahlenschutz, das hierzulande dafür zuständig ist, die Gefahren durch Strahlung zu beurteilen.

 

Vorhandene Tumore wachsen unter dem Einfluss von Handystrahlung schneller ...

 

Die Expertin Gunde Ziegelberger von der Behörde sieht auch Schwächen in der neuen US-Studie: Nur die Männchen bekamen infolge der Handystrahlung mehr Krebs als die Kontrolltiere, nicht aber die Weibchen. „Es gibt keine schlüssige biologische Erklärung für diesen Unterschied zwischen den Geschlechtern." Noch etwas anderes stört sie und auch andere Kritiker: Die Tiere in der Kontrollgruppe der US-Studie, die keiner Handystrahlung ausgesetzt waren, starben früher. Weshalb, weiß niemand. Der vorzeitige Tod könnte jedoch den Unterschied in der Krebshäufigkeit erklären. Denn je kürzer die Tiere leben, desto seltener sollte Krebs auftreten, da die Krankheit erst mit zunehmendem Alter kommt.

Eine Fülle von Studien zur Handystrahlung stapelt sich in Ziegelbergers Büro. So sorgte eine Untersuchung des Biologen Alexander Lerchl von der Jacobs-Universität in Bremen für Presse. Er entdeckte, dass bereits vorhandene Tumoren unter dem Einfluss von Handystrahlung schneller wuchsen. Zu demselben Ergebnis waren bereits 2010 Forscher vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin gekommen. Insofern ist man sich einig, dass Handystrahlung bei einem vorhandenen Tumor ungünstig sein kann.

 

... aber können die Strahlen auch den Keim für Krebs legen?

 
Aber können die Strahlen auch den Keim für Krebs legen? Diese Frage scheidet die Geister. Das Problem ist, dass die Studien dazu einander zum Teil widersprechen. In Finnland, Dänemark, Norwegen, Schweden und Großbritannien nachgefragt, waren Krebskranke der Meinung, dass sie häufiger auf dem Ohr telefoniert hatten, wo sich auch der Tumor in ihrem Gehirn befand. Im Rahmen der Interphone-Studie erkundigten sich andere Forscher dann gleich in mehreren Ländern: nichts dergleichen. Bei rund 5.000 Patienten mit zwei verschiedenen Arten von Hirntumoren ließen sich keine Zusammenhänge zwischen dem Telefonieren und den Tumoren ziehen. Nur bei Personen, die das Mobiltelefon extrem viel nutzten, ermittelten die Autoren, dass die Geschwulst häufiger auf der Seite des Kopfes saß, auf der sie den Hörer hielten. Doch beim genaueren Sichten der Antworten fanden die Forscher allerlei Ungereimtheiten in den Aussagen dieser Gruppe. Vielleicht erinnerten sie sich also falsch oder nahmen die Befragung nicht ernst. Das Bundesamt für Strahlenschutz selbst hat in seinen Untersuchungen im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms keine erhöhten Krebsrisiken finden können.
 

„Es ist spannend, ob die Krebsrate bei Mäusen ebenfalls erhöht ist. Das wäre dann doch ein Fingerzeig, dass wir weiter nachforschen müssen"

 

Entlastend liest sich auch eine Analyse aus Australien vom Juni 2016: Seit der flächendeckenden Nutzung von Mobiltelefonen Ende der 1980er-Jahre hat die Zahl der Hirntumoren in dem großen Land nur in der Gruppe der über 70-Jährigen signifikant zugenommen. Dieser Anstieg hat aber schon vor 1982 und damit vor der Verbreitung von Mobiltelefonen eingesetzt und ist den Autoren zufolge eher mit den verbesserten diagnostischen Methoden zu erklären.

Mit Blick auf die neuen Daten sagt Ziegelberger: „Wir werden zunächst den Abschlussbericht der US-Kollegen abwarten. Es ist spannend, ob die Krebsrate bei Mäusen ebenfalls erhöht ist. Das wäre dann doch ein Fingerzeig, dass wir weiter nachforschen müssen." Unklar ist bis heute auch, wie sich Handystrahlung auf das reifende Gehirn bei Kindern auswirkt.

Aus diesem Grund ruft das Bundesamt für Strahlenschutz zur Vorsorge auf und gibt Tipps. Die Strahlenbelastung nimmt deutlich ab, wenn man über eine Freisprecheinrichtung telefoniert. Das Handy gehöre auch nicht in die Hosentasche, sondern mit etwas Abstand vom Körper in den Rucksack. Telefonate auf dem Handy sollten lieber kurz und knapp ausfallen.

Noch besser ist die SMS.

 

 Quellennachweis: fluter  Web: www.fluter.de